|
Freie Christen
für den Christus der Bergpredigt Am Brechhaus 4, 97828
Marktheidenfeld ___________________________________________________
15. März 2000
Sehr geehrter Papst Johannes Paul,
Ihr "Schuldbekenntnis", das Sie zusammen
mit einigen Kardinälen abgelegt haben, hat einerseits großes Aufsehen
erregt, andererseits schwer enttäuscht.
Aufsehen erregt hat, dass die sich unfehlbar wähnende
Kirche endlich das tun wollte, was für einen Christen eigentlich
selbstverständlich ist, nämlich Schuld einzugestehen. Enttäuscht
hat, mit welch verharmlosenden Formulierungen Sie furchtbaren Fakten
aus dem Weg gegangen sind und wie bedenkenlos Sie die Schuld für
die blutige Vergangenheit Ihrer Institution ganz allgemein "den
Christen" zuschieben. Mit der Verharmlosung verhöhnen Sie die
Opfer der eingestandenen Verfehlungen; mit der Schuldzuweisung an
"die Christen" verhöhnen Sie Jesus, den Christus: denn
viele, die sich nach Ihm benannt haben, vor allem jene, die Seine
Nachfolge ernst nahmen, haben mit der Römisch-Katholischen Kirche
und ihrer Vergangenheit nichts zu tun. Erlauben Sie uns, sehr geehrter
Papst Johannes Paul, dass wir dies etwas näher ausführen: Unter der Überschrift
"Bekenntnis der Schuld im Dienste der Wahrheit" lautet
Ihr Schuldeingeständnis: "In manchen Zeiten der Geschichte
haben die Christen bisweilen Methoden der Intoleranz zugelassen."
Diese ungeheuerliche Verharmlosung verschlägt einem den Atem: Was
Sie "bisweilen" nennen, dauerte vom 11. bis zum 18. Jahrhundert.
Und in all diesen Jahrhunderten kam es nicht nur zu "Methoden
der Intoleranz", sondern die Kreuzzüge (vom 11. bis zum 13.
Jahrhundert) und die Inquisition (vom 13. bis zum 18. Jahrhundert)
sowie die Hexenverfolgung (vom 16. bis zum 18. Jahrhundert) führten
zur systematischen Ausrottung von Millionen von Menschen durch Folter
und Feuertod. Und dies alles wurde nicht von ungenannten Christen "zugelassen",
sondern von Ihren und des Kardinals Ratzinger Vorgängern angeordnet
und durchgeführt, mit Hilfe von Zehntausenden irregeleiteter Gläubigen
Ihrer Kirche, die mit Verdammnisdrohungen und Ablaßversprechungen
gefügig gemacht wurden.
Wie will die Kirche bei Gott Vergebung für ihre
Blutspur erlangen und glaubwürdig dartun, dass sich derartiges nicht
wiederholt, wenn ihr Schuldbekenntnis die Taten gar nicht eingesteht
und die Verantwortung dafür anderen zuschiebt? Von jedem Ihrer Gläubigen
verlangen Sie im Beichtstuhl ein ehrliches Bekenntnis unter Angabe
seiner konkreten Sünden. Eine Beichte, die so ausfiele wie Ihr Schuldbekenntnis,
wäre nach kirchlicher Lehre schlicht ungültig. Das Wort "töten",
das in der Kirchengeschichte lange Zeit das Wort "lieben"
ersetzte, kommt in Ihrer Beichte überhaupt nicht vor, sondern wird
nur im Zusammenhang mit der Tötung ungeborenen Lebens erwähnt, einem
Bereich, der für Sie ungefährlich ist. Die Toten der Kreuzzüge,
die Opfer der Inquisition, die verbrannten "Hexen" und
die ermordeten Katharer, Waldenser, Hussiten und Täufer erwähnen
Sie mit keinem Wort. Da war Ihre Kirche früher schon weiter, als beispielsweise
Ihr Vorgänger Hadrian VI. 1523 eingestand, dass "auch bei diesem
Heiligen Stuhl schon seit manchen Jahren viel Verabscheuungswürdiges
vorgekommen" sei: Er jedenfalls hat die Verfehlungen der Kirche
nicht auf deren "Söhne und Töchter" abgeschoben. Haben
Ihnen womöglich Ihre Kurienkardinäle ein ehrliches Bekenntnis, zu
dem Sie in früheren Ansprachen ansetzten, nicht mehr erlaubt? Wo
bleibt Ihr Bekenntnis zur Versklavung der schwarzen Brüder und Schwestern,
von der Sie 1985 bereits sprachen, und das Bekenntnis zu den Verbrechen
gegenüber den indianischen Ureinwohnern, die Sie 1992 erwähnten?
Anstatt einzugestehen, dass im Auftrag der Kirche von kirchlichen
Missionaren unter den Eingeborenen Blutbäder "zur höheren Ehre
Gottes" angerichtet wurden, sprechen Sie kühl von der "Logik
der Gewalt", der "die Christen nachgegeben" hätten
- selbstverständlich "im Dienste der Wahrheit". Bei einer
ordentlichen Beichte würde man bekennen: "Wir haben Indianer
getötet, wir haben Schwarze versklavt, wir haben die Kolonien geplündert,
wir haben Ketzer und Hexen verbrannt und insgesamt Millionen von
Menschen auf grausame Weise ermordet." Geradezu gefährlich ist Ihr Ausweichen in der Judenfrage:
Sie sind "zutiefst betrübt über das Verhalten aller, die im
Lauf der Geschichte" die Juden "leiden ließen". In
diesem Punkt scheinen Sie die Schuld der Kirche vollends zu verdrängen,
obwohl sie es doch war, die von den "Gottesmördern" sprach
und auf diese Weise die Juden jahrhundertelang stigmatisierte, so
dass Adolf Hitler nach eigenem Bekunden nur mehr vollzog, was die
Kirche geistig vorbereitet hatte. Wer garantiert den Juden und anderen
der Kirche mißliebigen Religionen, dass sie vor weiteren Verfolgungen
durch die Kirche wirklich sicher sind, wenn die Kirche so wenig
Einsicht in ihre moralische Mitverantwortung am Holocaust zeigt
und statt dessen geradezu dreist von einer "heidnischen Ideologie"
spricht? Zu einer gültigen Beichte gehört nach katholischer
Lehre nicht nur die ehrliche Reue und der gute Vorsatz, die alten
Sünden nicht erneut zu tun, sondern auch die Wiedergutmachung. In
dem von Ihnen herausgegebenen Katechismus der Katholischen Kirche
heißt es in Ziff.1459: "Viele Sünden fügen dem Nächsten Schaden
zu. Man muß diesen, soweit möglich, wiedergutmachen (z.B. Gestohlenes
zurückgeben, den Ruf dessen, den man verleumdet hat, wiederherstellen,
für Beleidigungen Genugtuung leisten). Allein schon die Gerechtigkeit
verlangt dies." Wann gibt die Kirche ihr Diebesgut zurück,
das ihren unglaublichen Reichtum begründete: Die Vermögen der Ketzer,
das Geld der "Hexen", die Schätze der beraubten Indianerstämme,
die Ländereien, die sie sich durch nachgewiesene Urkundenfälschungen
erschlichen hat? Wann räumt die Kirche ihre Schatzkammern, um einen
weltweiten Entschädigungsfonds zu bilden - für die Nachkommen der
von ihr "missionierten" Schwarzen und Indianer, für die
Opfer der Judenverfolgung und auch für die Folteropfer moderner
Diktatoren, die nicht zuletzt deshalb möglich wurden, weil die Kirche
als moralische Autorität des Abendlandes der Welt jahrhundertelang
auf grausamste Weise vorexerziert hat, wie man mit religiösen, rassischen
und politischen Minderheiten verfährt. Wann befreit sich die Kirche von ihren eigenen
Lehrern der Gewalttätigkeit, z.B. von einem "heiligen"
Augustinus, der die Folter als "Kur für die Seele" pries,
von einem "heiligen" Bernhard von Clairvaux, der die Katharer
ins Feuer trieb oder von einem "heiligen" Thomas von Aquin,
der die Häretiker dem staatlichen Henker empfahl? Will sie im Ernst
einen Mann wie Pius XII. heilig sprechen, der Hitlers Rußlandkrieg
befürwortete und zum Holocaust schwieg? Und wie sieht es mit den in den Tod und die "ewige
Verdammnis" geschickten Millionen Ketzern im Jenseits aus?
Nachdem sie in Ihrem "mea culpa" mit keinem Wort erwähnt
werden, bleibt ihr geistiges Schicksal ungewiß: Wird die Kirche
diese "armen Seelen" vom Bannfluch befreien und dafür
nun ihre kirchlichen Peiniger verfluchen? Wir sind freie Christen, die dem Christus der Bergpredigt
nachfolgen wollen. Deshalb wenden wir uns dagegen, dass die Kirche
ihre schwere eigene Schuld in eine christliche Kollektivschuld ummünzt.
Ihre Erklärung hat mit dem Christus der Bergpredigt nichts gemein,
so lange die Kirche den Balken im eigenen Auge nicht sieht und fortfährt,
ihre "Söhne und Töchter" für die Verbrechen von Päpsten
und Kardinälen verantwortlich zu machen. So lange ist auch die Gefahr
nicht gebannt, dass die Kirche die Scheiterhaufen, die nur unter
dem Zwang der weltlichen Menschenrechtsbewegung gelöscht wurden,
wieder anzündet. Wir hoffen, sehr geehrter Papst Johannes Paul,
dass Sie dieser Brief auch tatsächlich erreicht und wir eine Antwort
von Ihnen erhalten. So lange dies nicht der Fall ist, werden wir
ihn in der Öffentlichkeit verbreiten, um sodann auch Ihre Antwort
bekannt zu machen. Mit freundlichen Grüßen Freie Christen
für den Christus der Bergpredigt i. V. Johannes Meier
|